Gerade eben läuft im Radio eine Meldung über die andere – G8 Gipfel hier, Demonstrationen da, Forderung nach härterem Durchgreifen von Herrn Beckstein (Heiligendamm = Bayern?) usw., usw.

Sicherlich kann es nicht sein, dass man seine Ziele durch Gewalt durchzusetzen versucht. Ein Block vermummter Autonomer hat keine Argumente, außer den geworfenen Flaschen und Steinen. Aber sind wir mal ehrlich – wer bekommt mit, was bei einer friedlichen Demo passiert? Sämtliche friedliche Proteste in diesem Land gehen an der Medienwelt vorüber – es will ja keiner lesen. Und wenn berichtet wird, ist das oft genug nicht ganz der Hergang, den ein Beteiligter beschreiben würde.

Statt aufzuklären wird beispielsweise ein fliegender Bierbecher bei einem Zweitligaspiel zu einem Landfriedensbruch hochstilisiert, der Einsatz, der durch eben diesen Becher begründet wird, zu einem heroischen Akt der knallhart ausgebildeten Übermenschen-Polizisten gegen eine Wand von bis an die Zähne bewaffneten Kriminellen.

Ereignisse, die mir bei Berichten über Polizeieinsätze zur Zeit immer wieder vor Augen kommen, sind die vielen Einsätze der Jungs und Mädels in grün rund um unseren Sport. Von der Presse, wie oben beschrieben, ist es immer häufiger ein Akt der Willkür, der Unverhältnismäßigkeit und der puren Streitlust der Beamten, der einige Fragen aufwirft, statt den eigentlichen Sinn der Polizeibehörden zu erfüllen, nämlich die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung.

Der FCK stellte sich sogar mit einer Pressemeldung (Direktlink: http://www.der-betze-brennt.de/aktuell/ ... tikel=1909 ) vor seine Fans, als es in Augsburg zu einem dieser Vorfälle kam. Ein Zeichen, dass von den unbeteiligten Opfern dieses Einsatzes freudig zur Kenntnis genommen wird. Das ganze Thema wird sogar von regionalen Fernsehsendern aufgegriffen und mit Videobeispielen belegt. Von der Polizei in Augsburg hört man, „der Einsatz sei Verhältnismäßig gewesen“. Damit hat man dann auch schon wieder alle Vorwürfe abgewiegelt und die Diskussion (?) über das (Fehl-)Verhalten der Staatsbediensteten schnell beendet.

Allerdings ergibt sich ein gewisser Sinn im Zusammenhang mit den anfangs erwähnten Krawallen um den G8 Gipfel. Denn wo kann man denn besser das Verhalten gegenüber Menschenansammlungen „trainieren“, als bei einem Fußballspiel? Sicherlich ist hier auch bei dem ein oder anderen Alkohol im Spiel. Doch rechtfertigt ein betrunkener Fan den Angriff auf hunderte? Im Endeffekt werden von den beteiligten Polizisten Aussagen abgesprochen (man hat nach ein paar Jahren sicherlich Erfahrungen im Formulieren von Floskeln), die jeder Einspruch gegen ein rechtswidriges Handeln unmöglich machen. Viele Opfer der Schläger in grün (bzw. schwarz) sehen von einer Anzeige ab. Denn „man kann da eh nix gegen machen“.

Man hat also „geübt“, wie man eine Menge stürmen kann. Und das mit (größtenteils) unschuldigen Opfern, die keine Lobby seitens der Politik oder Presse haben. Schließlich waren es ja aggressive, betrunkene Fußballfans.

Nochmal zur Klarheit – es gibt Gründe, die einen Einsatz gegen Fans rechtfertigen, nur hat der Einsatz, insbesondere von Gewalt, in einem Verhältnis zu stehen, das mit Menschen- und Grundrechten vereinbar ist!

Eine Frechheit gegenüber den, nennen wir sie mal „Opfern von Polizeigewalt“, von denen einige das erste Mal in ihrem Leben auswärts gefahren sind (Bspw. mit dem FCK nach Augsburg) und sofort mit Prellungen zurück kamen, sind Artikel wie beispielsweise im Szene-Magazin „Insider“.
Hier wird in einem Artikel, der eigentlich ein anderes Thema behandelt, die – sogar vom FCK selbst so bezeichnete – Polizeigewalt als „angebliche“ selbige bezeichnet. Welche Art des Journalismus hier Anwendung findet, ist uns rätselhaft. Aber was will man von einem Magazin erwarten, dass sich an eine Zielgruppe richtet, der das Ergebnis von „Deutschland sucht den Superbohlen“ oder „Germanys next Werbebotschafterin“ wichtiger ist, als das Erhalten von demokratischen, freiheitlichen Strukturen. So lange der trendy Haarstyle und die stylischen Klamotten sitzen, kann man sich ja von der Medienwelt verblöden lassen. Nichts anderes ist der Fall, wenn man allen ernstes die benannten Serien oder eine der vielen anderen Alternativen verfolgt, die einem die bunte Medienwelt vorgaukelt, um „in“ zu sein.

Doch zurück zum Thema. Vielfach trifft man bei Gesprächen über das Thema Polizeieinsätze Menschen, die den Standpunkt vertreten „Wenn ich nix getan habe – passiert mir auch nix!“.

Ganz genau. Dass dies nicht so ist, haben genug Zwischenfälle der Vergangenheit gezeigt. Auf der anderen Seite ist nichts tun manchmal genau die falsche Reaktion. Verletzte Polizisten sind nicht hinnehmbar – verletzte Unschuldige schon? Wenn man mitbekommt, dass eine unschuldige Person neben einem selbst geschlagen, getreten oder anderweitig verletzt wird, ist es Zivilcourage, hier einzugreifen! Ob der Täter zivil oder ein Beamter ist, spielt hier keine Rolle mehr. Und so lange diese Zivilcourage nicht wieder Einzug in die heutige Gesellschaft hält, muss man sich weder über Gewalt in derselben, noch von Seiten der Polizei wundern.

Ein weiteres Argument, mit dem immer wieder versucht wird das arrogante, selbstherrliche Verhalten der jungen „motivierten“ Beamten zu entschuldigen, ist das der Arbeitszeiten und der enormen Belastung, vor allem am Wochenende. OK, Ausflüge mit seinen Kollegen durch die Stadien in ganz Deutschland sind schon schwer anstrengend, und Überstunden werden gemacht. Nur glauben wir, Polizist zu sein ist nicht der einzige Job, bei dem man unregelmäßige Arbeitszeiten und Belastungen hat. Würde heutzutage jeder Schichtarbeiter / Angestellter aus der Wirtschaft den Frust über Lohnkürzungen, unbezahlte Überstunden und längere Arbeitszeiten an irgendwelchen Leuten, die er auf der Straße trifft auslassen, würden wir in einer Anarchie leben. Kann man damit entschuldigen, unbeteiligten Schmerzen zuzufügen, nur weil das staatliche Gewaltmonopol auf der „richtigen“ Seite ist, wenn es um einen Frustabbau geht?

Letztlich sind auch die Uniformen nur Menschen. Und es sind nicht alle Cops irgendwas mit B. Nur ist es leider zur Regel geworden, dass bei immer mehr Zusammentreffen der Leute, die Steuern zahlen, mit denen, durch die sie ausgegeben werden, damit enden, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Es sind auch nicht mehr nur die „linken Autonomen“, mit denen es die Polizei zu tun hat. Immer mehr Menschen der politischen Mitte, bekommen mit, was passiert ist.

Vor allem bei jungen Menschen bleibt das Bild eines prügelten Polizisten immer präsent. Gespräche mit Pädagogen bestätigten uns, dass solche Ereignisse langfristig zu einer Art Radikalisierung führen und dazu dass junge Menschen so leicht das Vertrauen in den Staat, in dem sie leben, verlieren.

Doch warum ist seit einigen Jahren eigentlich eine massive Polizeipräsenz rund um die Stadien zum Alltag geworden? In den achtziger Jahren war es rund um die Stadien mit Sicherheit brisanter, als es heutzutage noch ist. Man musste sich überlegen ob man mit einem andersfarbigen Schal in einer fremden Stadt umherläuft. Uns liegen keine Zahlen vor – doch wir vermuten einfach mal (und wir werden damit sehr wahrscheinlich Recht behalten), damals kam es häufiger zu Schlägereien, Verletzungen, geklauten Schals, usw., usw., usw.

Doch plötzlich veränderte sich etwas im Fußball. Die schon erwähnte bunte Medienwelt wurde auf Ereignisse aufmerksam, die jedes Wochenende mehrere tausend Menschen in jeder Ecke unseres Landes zusammenkommen ließen. Es begann eine unendliche Geschichte von Rekordsummen beim Sponsoring der Teams, vom Ausnutzen von Werbeflächen, vom Verkauf von Stadionnamen, von Pay-TV und von der Zerstörung der Fankultur, die ursprünglich der Grund für den „Zauber“ rund um den Fußball war.

Das Event war geboren und aus Fans wurden Kunden und aus Sponsoren und hohen Herren aus der Wirtschaft wurde die Zukunft vieler Vereine. Und was ist schädlicher für ein Event für die ganze Familie als „aggressive“ Fangruppen, kritische Rufe aus der Kurve, wenn es um den Verein geht oder Zaunfahnen, die ja Werbebanden verdecken könnten? Richtig – schlimmer geht’s nicht! Also muss der Freund und Helfer her, um jede Regung, die nur einen Hauch von Rivalität oder Aggression darstellt, im Keim zu unterdrücken. Mit diesem Vorwand war es ganz einfach ganze Stadien erkennungsdienstlich zu erfassen, pauschale Blöcke von Fans zu kriminalisieren und per Verfassung gegebene Grundrechte (ohne Gerichtsbeschluss, bzw. selbst bei einem Entschluss FÜR den Betroffenen) außer Kraft zu setzen.

Hauptsache, niemand stört bei der Werbeeinblendung über die Stadionlautsprecher. Ein Vergleich dazu schwirrt uns schon lange Zeit im Kopf herum. Ein Fest in einem Festzelt, ob Kerwe oder Schützenfest, mit geschätzten 200 Besuchern. Im Durchschnitt kommt es hier pro Abend mit Sicherheit zu mindestens 2-3 Streitigkeiten, eventuell zu einem Handgemenge. Im Umfeld eines Stadions wäre dies schon ein Grund für mehrere Jahre Stadionverbot, Einträge in staatliche Dateien, Einschnitte in die Freiheit des Einzelnen. Hochgerechnet auf 48.000 Zuschauer bei einem Fußballspiel geht es bei diesem „Fest“ viel wilder zu. Denn es sind ja bedeutend weniger Menschen anwesend, aber es gibt (im Verhältnis gesehen) mehr Streithähne unter den Anwesenden. Theoretisch müsste unser Staat also bei tausenden von Veranstaltungen im ganzen Land jedes Wochenende mehrere Hundertschaften bereitstellen, um auch hier genauso präsent zu sein, wie bei einem Fußballspiel, denn es geht ja einzig und allein um das Wohl der Menschen. Oder geht es doch nur die „reine Weste“ des Fußballsports in den Medien, um die vielen Millionen Euros, die rund um jeden einzelnen Spieltag verdient werden? Geht es darum, sich eine möglichst große friedliebende konsumorientierte Kundschaft zu verschaffen?

Ist es ein Event, dass nur darauf abzielt, Kunden für Firmen zu gewinnen, Kunden an bestimmte Produkte zu binden und Kundenverhalten auswertet (durch Chipkarten beim Verkauf im Stadion bspw.)?

Ist es wert, dass es in diesem Umfeld zu Szenen kommt, die an vieles, nicht aber eine Demokratie und die Gerechtigkeit eines modernen Staates erinnern?

Sind es Pay-TV Gewinne der bekannten Sender oder Auftritte von B-Promis wert, dass für eine kontrollierte und werbetaugliche Kulisse im fernsehen Teile einer ganzen Generation junger Menschen das Vertrauen in unseren Staat verlieren (während ihnen gleichzeitig noch Politikverschlossenheit vorgeworfen wird)?

Wir denken nicht!! FUSSBALL PUR – STATT EVENTKULTUR, auch im Bezug auf Repression rund um unseren Sport, unseren Lebensinhalt.

Die Spirale, die sich rund um den Fußball jedes Wochenende erneut dreht, ist brisanter als man beim ersten Blick denkt.
Wichtig ist, sich ein eigenes Bild zu machen und auch mal zu hinterfragen, was man liest oder hört – das gilt für alle Beteiligten auf beiden Seiten des Grabens der sich seit einiger Zeit zwischen Ordnungskräften und Fans aufgetan hat.

„Das rechte Wort, am rechten Platz vom rechten Mann gesprochen, erspart fast immer den Einsatz der Polizei.“ ( Carlo Schmid – deutscher Politiker und einer der Väter des Grundgesetzes)

Quelle: Paranoid #1 aus dem Jahr 2007